Nach der Logotherapie Viktor E. Frankls gibt es vier krisenträchtige, sich selbst verstärkende Haltungen, bei denen ein verständlicher Bewältigungsversuch das Problem unbeabsichtigt verschärfen kann.

1. Übermäßiges Erzwingenwollen

Der Mensch versucht, einen Zustand unbedingt herbeizuführen, der sich nicht direkt erzwingen lässt – etwa Schlaf, Freude, Entspannung, sexuelle Erfüllung oder Erfolg. Je stärker er ihn erzwingen will, desto größer werden Anspannung und Selbstbeobachtung. Frankl bezeichnet dies als Hyperintention.

Mögliche Krise:
Misserfolge erhöhen den Druck: „Es muss jetzt gelingen!“ Daraus kann ein Teufelskreis aus Anspannung, Versagen, Selbstzweifeln und erneutem Erzwingen entstehen.

Therapeutische Veränderung:

  • Druck und übersteigerte Zielabsicht reduzieren
  • Erfolg nicht unmittelbar erzwingen
  • Aufmerksamkeit einer sinnvollen Aufgabe oder einem anderen Menschen zuwenden
  • Gelassenheit und Selbsttranszendenz fördern

Methode: vor allem Dereflexion, gegebenenfalls paradoxe Intention.


2. Übermäßiges Ankämpfen

Betroffene kämpfen angestrengt gegen unangenehme Empfindungen, Gedanken oder Symptome an. Dadurch erhalten diese noch mehr Aufmerksamkeit und Bedeutung. Der innere Widerstand erhöht häufig Angst und Anspannung.

Mögliche Krise:
Es entsteht ein „Kampf gegen den Kampf“: Das Symptom darf keinesfalls auftreten, weshalb jede kleinste Regung kontrolliert wird. Bleibt es bestehen, folgen Hilflosigkeit, Erschöpfung und Verzweiflung.

Therapeutische Veränderung:

  • Den unbedingten Widerstand aufgeben
  • Symptome zunächst annehmen, ohne sich mit ihnen gleichzusetzen
  • Einen humorvollen Abstand zu sich selbst entwickeln
  • Nicht gegen das Symptom kämpfen, sondern trotz seiner Anwesenheit sinnvoll handeln

Methode: häufig paradoxe Intention: Das Befürchtete wird für einen Moment absichtlich und möglichst humorvoll gewünscht oder übertrieben. Dadurch wird der Angstkreislauf unterbrochen.


3. Übermäßiges Reflektieren über sich selbst

Bei der Hyperreflexion beobachtet und analysiert der Mensch fortwährend seine Gefühle, Leistungen oder körperlichen Vorgänge: „Bin ich entspannt?“, „Fühle ich genug?“, „Was stimmt mit mir nicht?“ Spontane Abläufe werden dadurch gestört.

Mögliche Krise:
Die Aufmerksamkeit verengt sich immer stärker auf das eigene Befinden. Normale Schwankungen erscheinen bedrohlich, während Aufgaben, Beziehungen und Sinnmöglichkeiten aus dem Blick geraten. Grübeln und Selbstentfremdung können zunehmen.

Therapeutische Veränderung:

  • Selbstbeobachtung und Grübeln begrenzen
  • Aufmerksamkeit nach außen richten
  • Sich einer Aufgabe, einem Wert oder einem Menschen zuwenden
  • Nicht ständig prüfen, ob das gewünschte Gefühl bereits vorhanden ist

Methode: insbesondere Dereflexion und Selbsttranszendenz.


4. Übermäßiges Vermeidenwollen

Aus Angst vor einem Symptom oder einer belastenden Situation versucht die Person, diese unbedingt zu vermeiden. Kurzfristig sinkt die Angst, langfristig wird sie jedoch bestätigt: „Nur durch Vermeidung bin ich sicher.“

Mögliche Krise:
Das Vermeidungsverhalten breitet sich aus und schränkt Alltag, Beziehungen und Handlungsmöglichkeiten immer stärker ein. Angst vor der Angst – bei Frankl Erwartungsangst – erzeugt häufig gerade das befürchtete Symptom.

Therapeutische Veränderung:

  • Vermeidung schrittweise aufgeben
  • Befürchtete Situationen wieder aufsuchen
  • Angst zulassen, statt sie um jeden Preis verhindern zu wollen
  • Den eigenen Handlungsspielraum und die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung stärken

Methode: vor allem paradoxe Intention, je nach Problem ergänzt durch schrittweise Konfrontation.

Grundgedanke

Krisen entstehen, weil aus dem „Zu-viel“ ein Teufelskreis wird:

  • Erzwingen verstärkt das Misslingen.
  • Ankämpfen verstärkt das Bekämpfte.
  • Selbstreflexion stört spontane Abläufe.
  • Vermeidung stabilisiert die Angst.

Die logotherapeutische Antwort besteht daher nicht in noch mehr Kontrolle, sondern in Selbstdistanzierung, Selbsttranszendenz, Dereflexion, paradoxer Intention und der Hinwendung zu konkreten Sinnmöglichkeiten.

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