Viktor Frankl kritisiert Ansätze, die den Menschen auf biologische, psychologische oder soziale Mechanismen reduzieren. Sie erklären ihn etwa ausschließlich durch Triebe, Konditionierung, Gene oder Umwelteinflüsse. Dadurch werde eine zentrale Dimension übersehen: der Mensch als geistige, sinnorientierte und verantwortliche Person.
Frankls wichtigste Einwände sind:
- Mehrdimensionalität: Der Mensch besitzt eine körperliche, psychische und geistige Dimension. Die geistige Dimension darf nicht aus den anderen abgeleitet werden.
- Wille zum Sinn: Menschliches Handeln wird nicht nur durch Lustgewinn (Freud) oder Machtstreben (Adler) bestimmt, sondern wesentlich durch die Suche nach Sinn.
- Freiheit und Verantwortung: Trotz biologischer und sozialer Bedingungen kann der Mensch zu ihnen Stellung nehmen. Er ist nicht völlig determiniert.
- Gefahr des „Nihilismus“: Wer Liebe, Gewissen, Religion oder Werte lediglich als Triebprodukte beziehungsweise psychische Mechanismen deutet, entwertet diese Phänomene.
- Dimensionsontologie: Wie ein dreidimensionaler Körper in zweidimensionalen Projektionen verzerrt erscheinen kann, erzeugt auch die Reduktion des Menschen auf eine einzelne Ebene ein unvollständiges oder widersprüchliches Bild.
- Therapeutische Folgen: Manche Leiden entstehen aus Sinnverlust („existenziellem Vakuum“) und können daher nicht allein biologisch oder tiefenpsychologisch erklärt und behandelt werden.
Frankl leugnet körperliche, psychische oder soziale Ursachen nicht. Seine Kritik richtet sich gegen das Wort „nur“: Der Mensch hat biologische und psychische Bedingungen, aber er ist nicht bloß deren Produkt.

